"Fernsehen der 3. Art", iG-5.1 (II)

Dr. Eva Brunner-Szabo

Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien





Balázs Bárány

Katia Raffeiner

Wohnpark-TV



Einleitung

In manchen Ländern sind seit der Verbreitung kostengünstiger Videotechnologie Offene Fernsehkanäle entstanden. Sie ermöglichen BürgerInnen, ein Gegengewicht zu den marktbeherrschenden kommerziellen und staatlichen Fernsehsendern zu bilden.

In Österreich war der Fernsehmarkt bis in die 90er-Jahre hinein monopolisiert. Jede Übertragung bewegter Bilder, ob terrestrisch, per Satellit oder Kabel, war verboten. Diesem Umstand hat Österreich die Bezeichnung "Medien-Albanien" zu verdanken.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat 1993 entschieden, daß das österreichische Rundfunkmonopol das Recht auf freie Meinungsäußerung verletze
(http://www.echr.coe.int/hudoc/default.asp?Language=en&Advanced=1, Suche nach Title: "lentia"). Es hat aber bis 1997 dauert, bis gesetzliche Regelungen für Kabel-TV geschaffen wurden (http://www.ris.bka.gv.at/plweb/info/help/searchbnd.html, Suche nach Kurztitel: "Kabel- und Satelliten-Rundfunkgesetz").

Die neue Freiheit wurde zuerst von kommerziellen Sendern ausgenutzt. Die Kabelnetzbetreiber waren natürlich an zahlenden Kunden und zugkräftigem Programm interessiert, nicht an Redefreiheit und BürgerInnen-Initiativen. Der Gesetzgeber hat versäumt, die in anderen Ländern übliche Verpflichtung zum Anbieten eines offenen Kanals ins Gesetz zu schreiben.

Da auch Radiosender ungefähr zum gleichen Zeitpunkt erlaubt wurden, konzentrierten sich die InteressentInnen auf Radio, anstatt den aussichtslos scheinenden Kampf für einen freien Fernsehkanal zu wagen. So konnten nur lokale Initiativen entstehen, wo ein solcher Kanal gegeben und seine Existenz bekannt war.

Einer dieser Sender ist Wohnpark-TV im Wohnpark Alt-Erlaa im Süden Wiens.

Geschichte von Wohnpark-TV

Ab Ende 1996 fanden im Wohnpark sogenannte "Verkabelungssitzungen" statt. Die Überlegung war, im gesamten Wohnpark hauseigene Kabel für Telefon, Datenübertragung und eventuell Fernsehen zu legen. Dadurch hätten die 3.000 Haushalte zusammen Sonderkonditionen bei Internet-Zugriff, Telefonie und Fernsehen bekommen können.

Verschiedene Firmen wurden eingeladen, ihre Konzepte zu präsentieren. Telekabel bot neben Gratis-Telefonie innerhalb des Wohnparks (später von der Telekom Austria realisiert) und kostengünstigem Internet-Zugang einen eigenen Fernsehkanal, Sendeequipment und Know-How an.

Am 27. Februar 1997 fand die erste Sitzung für Wohnpark-TV-InteressentInnen statt. 15 Leute waren dabei, davon 8 Jugendliche (später hat die Anzahl der jungen Leute deutlich abgenommen). Es wurden Konzepte für Sendungen besprochen und Aufgaben verteilt.

Die Struktur wurde folgendermaßen organisiert:

Diese Struktur war für die Praxis zu starr und wurde in der täglichen Arbeit auch nicht weiter beachtet. (Zum Beispiel hatte der Programmdirektor monatelang nichts zu tun.)

Ab dem 9. Juni 1997 gab es dann ein Standbild im vorgesehenen Fernsehkanal und erste Überlegungen für den Teletext konnten beginnen. Es wurde eine Struktur erstellt, die die Teletext-Struktur von anderen Sendern nachbildet, natürlich mit lokalen Zusätzen. Im Laufe des Sommers wurden Hunderte von Teletextseiten eingegeben.

Am 23. Oktober wurde dann der "echte" Sendecomputer installiert, der InfoText- oder Scala-Computer. (Scala heißt die Software, die darauf läuft.) Dieser kann Standbilder und kleine Animationen sowie Überblendeffekte zeigen und hat Funktionen für die Steuerung des Sendeablaufs. Außerdem steuert er ein Zusatzgerät, das zwischen zwei Bildquellen (InfoText und Video) umschalten kann.

Das war ein großer Fortschritt gegenüber früher, da wir ins "richtige" Fernsehen Informationen stellen konnten; vorher war ein teletext-fähiger Fernseher notwendig. Die erste Sendung (über eine geplante Fußgängerbrücke über die Anton-Baumgartner-Straße) bestand aus zwei Standbildern und gesprochenem Kommentar. Der Computer spielte den Beitrag und Testseiten rund um die Uhr ab.

In den darauffolgenden Wochen wurden die organisatorischen und technischen Grundlagen für eigene Informationssendungen gelegt, Hintergrundbilder und Layouts für die InfoTexte definiert usw.

Am 10. 1. 1998 fand die erste Live-Sendung statt: Beim Wohnparkball wurde eine Kamera aufgehängt und über ein 30 m langes Kabel mit dem Sender verbunden.

Zwei Tage später kam der erste computergesteuerte Videorecorder an. Er hat nur eine Woche lang funktioniert. Wir waren jedoch sowieso nicht damit zufrieden, alle zwei Wochen eine Videokassette zusammenkopieren zu müssen und haben nach einer einfacheren Möglichkeit gesucht. Das war ein eigener Computer mit Videoabspiel-Hardware und selbstgeschriebener Software. Am 5. 3. ging er erstmals auf Sendung. Er erlaubt, Videobeiträge zu beliebigen Zeitpunkten und in beliebiger Reihenfolge abzuspielen, ist allerdings nicht gut für lange Beiträge geeignet (über 20 Minuten ist für uns "lang"). Den Videorecorder haben wir dann einige Wochen später auch richtig zum Laufen gebracht.

Am 13. 3. 1998 wurde das Wohnparkfernsehen feierlich eröffnet, Gäste waren u.a. der Vizebürgermeister und der Bezirksvorsteher.

Am 14. 11. 1999 wurde der Übertragungswagen in Betrieb genommen. Das ist ein Kasten auf Rädern, ungefähr so groß wie ein Piano, und enthält die komplette Elektronik für den Anschluß und Kontrolle von bis zu vier Kameras. Damit sind Live-Übertragungen deutlich einfacher; der Aufbau (Kabel verlegen, Kameras anschließen usw.) dauert nur ca. eine Stunde. Vorher mußte für jede Übertragung das Equipment extra zusammengebaut werden, was länger, komplizierter und fehleranfälliger war.

Quelle: eigene Aufzeichnungen, e-Mail-Archiv

Programmstruktur

Grundsätzlich wird ein fast-rund-um-die-Uhr-Betrieb angestrebt. In der Nacht gibt es zwischen 4 Uhr eine ca. halbstündige Periode, in der die automatische Systemwartung der Computer läuft (Systeme mit höherer Verfügbarkeit wären zu teuer.)

Die normale Programmschleife besteht aus den Sendungen "Nachrichten", "Mieterbeirat", "Veranstaltungen", "WP Info", "Kinder und Jugend", "Sch(l)aufenster", "Allerlei" und "Private". Die Länge dieser Schleife bewegt sich üblicherweise zwischen ca. 45 und 110 Minuten. Die Sendungen bestehen aus Videobeiträgen und InfoText-Teilen.

Die Schleife startet zu jeder geraden Stunde neu, normalerweise mit den Nachrichten.

Um ca. 10:15 und 22:15 (je nach Länge der Nachrichten) wird das Programm von "Waldviertel-TV", einem kommerziellen Lokalsender von Videokassette abgespielt. Das W4TV-Programm dauert 30 Minuten und wird alle zwei Wochen erneuert.

Um 18:00 gibt es eine einstündige Musiksendung, jeden Tag mit einem anderen Schwerpunkt (z.B. 80s oder Tango). Zu sehen sind Standbilder, die zum Thema passen, keine Videos, da das mit dem vorhandenen Sendesystem und unseren finanziellen Mitteln nicht ginge.

Um ca. 20:15 gibt es die Möglichkeit, längere Beiträge von Videokassette abzuspielen, das sind z.B. Aufzeichnungen von Live-Ausstrahlungen, Reisevideos usw. Das passiert aber nur fallweise, meist gibt es kein besonderes Abendprogramm.

Um Mitternacht beginnt "NighTV", eine Sendung mit Standbildern zu einem Thema und meditativer Musik. NighTV läuft bis 6 Uhr.

Live-Sendungen

Wichtige Wohnpark-Ereignisse werden live übertragen.

Zweimal in der Woche ist die katholische Messe (Kindermesse und Sonntagsmesse) zu sehen.

Durchschnittlich alle sechs Wochen finden im Kaufpark Alt-Erlaa (angrenzendes Einkaufs- und Veranstaltungszentrum) Ereignisse statt, die fürs Fernsehen interessant sind, z.B. der Wohnparkball, Kasperltheater, offene Mieterbeiratssitzungen. Für eine Übertragung sind mindestens drei Leute notwendig (zwei Kameraleute, eineR am Mischpult).

Programmphilosophie

Ursprünglich gingen die Überlegungen in die Richtung, ein "normales" Fernsehprogramm für den Wohnpark zu machen. Da Offene Kanäle in Österreich keine Tradition und rechtliche Rahmenbedingungen wie in Deutschland haben, erschien ein Vollprogramm mit Nachrichten, Werbung, Talkshows und Filmen als gangbarer Weg.

Es gab Pläne für jede Art von Programm. Anfangs war noch nicht klar, wie aufwendig es ist, Sendungen zu filmen, zu schneiden und ins Fernsehen zu stellen. Auch das Interesse am Fernsehen-Machen wurde überschätzt, letztlich sind doch nur wenige Leute bereit, einen großen Teil ihrer Zeit unentgeltlich Wohnpark-TV zu widmen.

Zitate aus den damaligen Vereinsstatuten1:

Information der Mieter und Aktionäre des Wohnparks Alt Erlaa über alle wesentlichen Fakten mietrechtlicher, organisatorischer oder finanzieller Natur... Eröffnung von Möglichkeiten des öffentlichen Informations- und Meinungsaustausches... wohnparkspezifische Information und Diskussion über aktuelle externe Entwicklungen in der Gesellschafts-, Wirtschafts- und Rechtspolitik sowie im wissenschaftlich-technischen Bereich... laufende Information der WP-Mieter/Aktionäre über gesellschaftliche, kulturelle, sportliche und sonst gemeinschaftsbezogene Ereignisse im Bereich des Wohnparks...

Diese Satzung definierte also, daß beteiligte Leute in ihrer Freizeit bestimmte Arten von Programm machen müssen. Natürlich wurde nicht jeder Punkt genau befolgt, aber es wurde zum Beispiel viel Zeit damit verbraucht, Angestellte der Hausbetreuung auf Teletext einzuschulen, damit sie freistehende Wohnungen eingeben können. Nachher hat dann die Hausbetreuung beschlossen, dafür keine Zeit zu haben.

Es gab auch ständig Kritik aus dem Publikum am Programm, das den Erwartungen an einen "echten" Fernsehsender nicht gerecht werden konnte.

Ende 1999 wurde daher ein neues Statut entwickelt und beschlossen. Dieses sieht den Fernseh-Trägerverein "WP-Media" ausschließlich als technische und organisatorische Grundlage eines Offenen Kanals vor, von Programmproduktion durch den Verein ist keine Rede mehr ("Der Verein sieht sich nicht als Produzent von Beiträgen sondern stellt lediglich die technischen, wirtschaftlich-organisatorischen und rechtlichen Grundlagen für den Sende- und Informationsbetrieb her."2). Das Programm soll eben von der Wohnparkbevölkerung und von außen kommen, es gibt nur die Ausschließungsgründe Sexismus und Rassismus.

Im Statut steht zwar "gilt der Grundsatz des gleichberechtigten Zugangs für alle Personen und Organisationen, die dem Sendegebiet zuzurechnen sind (d.s. WohnparkbewohnerInnen und Bewohner der im Sendegebiet eingeschlossenen Gebäude) zu den Medien von WP Media"3, aber es besteht allgemeiner Konsens darüber, daß auch "echtes" Programm von "außen" willkommen ist. Der Grund für diese Bestimmung ist die Werbesteuer: Wenn das Finanzamt feststellt, daß ein Programm "Werbung" war, müßte der Verein vom geschätzten Wert der Ausstrahlung (nicht vom tatsächlich bezahlten Betrag) Werbesteuer zahlen. Das kann vermieden werden, indem die grundsätzliche Sendeberechtigung auf Personen im Sendegebiet beschränkt ist. Dies ist also nur eine rechtliche Konstruktion, Beiträge von außen werden daraufhin geprüft, ob sie als Werbung gesehen werden könnten.

Besondere Programmpunkte

Nachrichten

Nachrichten gibt es als Video und im Teletext. Das Aufkommen ist sehr unregelmäßig, es gibt manchmal ganze Monate, in denen keine neuen Nachrichten ins Fernsehen kommen, weil es sie nicht gibt oder sie sich nicht zu den "Zuständigen" durchsprechen.

WP Info

Dieser Programmteil besteht aus Texttafeln, ähnlich dem ORF-InfoText. Die Kategorien sind "News", "Mieterbeirat", "Klubs", "Events", "Feedback", "Oranges Brett", "Kirche" und "Jugend". Die Informationen treffen meistens per e-Mail oder auf Zetteln ein und werden von WPTV-Mitarbeitern ins Fernsehen gestellt; Kirche und Jugend werden in der katholischen Kirche und im Jugendzentrum geschrieben und direkt auf Sendung gebracht.

In WP Info können schriftlich einlangende "SeherInnenbriefe" veröffentlicht werden, soweit gewünscht; WP Media übt keine inhaltliche Kontrolle aus; auch Beiträge von außen sind OK, solange sie keine Werbung darstellen.

Am "Orangen Brett" können MieterInnen im Wohnpark Kleinanzeigen aushängen, daher der Name. Die Annoncen werden in den WPTV-Postkasten im Kaufpark eingeworfen und dann für zwei Wochen (oder kürzer, wenn nicht mehr aktuell) ins Fernsehen eingegeben.

Wegen der Werbesteuer kann WPTV nur von MieterInnen innerhalb des Wohnparks kostenlos Kleinanzeigen senden.

Veranstaltungen

Neben den Veranstaltungsberichten auf Video gibt es auch einen Veranstaltungskalender für die nächsten Tage und Wochen. Dieser wird per WWW-Formular übers Internet gewartet; aus der Datenbank4 erstellt selbstgeschriebene Software InfoText-Seiten fürs Fernsehen, die automatisch zur richtigen Zeit aus- und eingeblendet werden. Eine Erweiterung für Teletext wäre möglich.

Allerlei

Das ist der Sendeplatz für alle Beiträge, die nicht in die anderen Sendungen passen, z.B. Reisevideos, Geburtstagsgrüße, Musikvideos, künstlerische Videos, Aufnahmen von einschlagenden Blitzen usw.

Gruppen, die Fernsehen machen

Mieterbeirat

Alle drei Jahre gibt es im Wohnpark Wahlen zum Mieterbeirat. Dieser berät die Hausverwaltung und die Eigentümer und ist erster Ansprechpartner für Probleme und Anliegen der MieterInnen.

Der Mieterbeirat informiert die BewohnerInnen über seine Aktivitäten und Ergebnisse mit Hilfe von Aushängen und im Fernsehen. Außerdem erfahren die Mieterbeirats-Mitglieder die allgemeinen Nachrichten zuerst und geben sie in die dafür vorgesehenen Kanäle (Informationsforum im World Wide Web).

Jugendzentrum

Das Jugendzentrum in Alt-Erlaa macht häufig Programm für die Sendung "Kids on Screen". Der Schwerpunkt liegt in der Beschäftigung der Jugendlichen und ist daher weniger output- als prozeßorientiert. Neben Filmbeiträgen gibt es auch Informationen über die Veranstaltungen des Jugendzentrums im Infotext und im Teletext.

Schulen der Umgebung

Vor allem das Gymasium/Realgymnasium Alt-Erlaa sendet Beiträge, die sich neben Berichterstattung über Schulveranstaltungen auch mit einzelnen Unterrichtsfächern oder auch den Interessen der SchülerInnen (z.B. Musikvideos) beschäftigen.

Die anderen Schulen sind nicht so aktiv, von ihnen gibt es nur Sendungen, wenn Eltern, deren Kinder die Schule besuchen, Eigeninitiative zeigen und ein Video erstellen.

Klubs

Anfangs gingen wir davon aus, daß die Klubs einen Schwerpunkt des Programms bilden werden. Das hat sich als falsch erwiesen. Naturgemäß sendet der Videoclub gelegentlich Kurzfilme, Reiseberichte und Ähnliches; von anderen Klubs ist wenig zu sehen, trotz des Angebots, ihnen mit Video zu helfen.

Einige Klubs geben ihr Programm schriftlich oder im günstigeren Fall elektronisch weiter, so daß wenigstens Textinformationen erscheinen können, aber das sind nur ca. ein Drittel der Klubs.

Katholische Kirche

Die Kirche war im Fernsehen von Anfang an sehr aktiv. Die bestgewarteten Teletextseiten sind die der Pfarre.

Zweimal in der Woche wird die Messe live übertragen, am Freitag Nachmittag die Kindermesse und Sonntag Vormittag die Sonntagsmesse. Dabei wird das gerade laufende Programm unterbrochen.

Der Pfarrer muß nur einen Schalter umlegen, um auf Sendung zu gehen; die Kameras werden automatisch auf die stärkste Tonquelle (z.B. Rednerpult oder Chor) geschaltet.

Kaufpark

Der Verein der Kaufleute zahlt einen jährlichen Beitrag ins Budget des Fernsehvereins ein, dafür dürfen die beteiligten Geschäfte unbeschränkt senden. Allerdings ist die Videoproduktion ziemlich aufwendig und teuer, weswegen nur selten Werbung in Video-Form zu sehen ist. Und auch die Kaufleute, die in InfoText eingeschult wurden, nehmen die Möglichkeit, die ihnen ohne weitere Kosten im ganzen Jahr zur Verfügung stehen würde, nur selten wahr.

Reaktionen des Publikums

Es gab bisher keine systematische Auswertung der Rezeption von Wohnpark-TV. Eine solche Untersuchung müßte zweckmäßigerweise auch die anderen Wohnpark-Medien (drei monatliche Zeitungen, eine davon die Kaufpark-Zeitung) mit einbeziehen, der Aufwand erschien allerdings bisher zu groß. Außerdem wurde befürchtet, daß eine solche Umfrage "Erwartungen erwecken würde, denen wir nicht entsprechen können".

Wenn Reaktionen kommen, dann meist Kritik (aber das ist angeblich bei der ORF-Hotline nicht anders). Oft handelt es sich um anonyme Stellungnahmen zu einzelnen Programmpunkten oder zum Programm allgemein, gelegentlich LeserInnenbriefe in den Wohnparkzeitungen mit Kritik, Lob oder nett gemeinten Vorschlägen, was WPTV alles senden sollte.

Es gibt auch einen Anrufbeantworter, dessen Existenz und Nummer (innerhalb des Wohnparks gratis erreichbar) an mehreren Stellen publiziert sind. Er hat drei Monate lang keine einzige Reaktion aufgezeichnet.

Häufige Beschwerden

Medienberichte

Kurz vor der Eröffnung berichtete der Wiener Lokalsender "wien1" über Wohnpark-TV in einem zweieinhalbminütigen Beitrag in den Lokalnachrichten. Der Beitrag bestand aus Statements von Mitarbeitern und kurzen Ausschnitten aus dem Programm.

Zur Eröffnung kam jemand von der Austria Presse Agentur, und am nächsten Tag sind in Kurier und KronenZeitung kurze Artikel erscheinen, die sich auf die Fakten beschränkt haben.

Kurze Zeit später war auch noch ein Artikel im "Wiener". Dieser war der Blattlinie entsprechend, also eine Mischung aus Information und Unterhaltung.

Reaktionen in den Wohnpark-Zeitungen

Es gibt zwei monatlich erscheinende Zeitungen im Wohnpark: Die Alterlaa News (früher Alterlaa Journal) und die Wohnpark Alterlaa Zeitung (WAZ). Sie gehören zu verschiedenen lokalpolitischen Fraktionen; die WAZ ist eher dem Mieterbeirat seit 1997 zuzuordnen, die Alterlaa News dem früheren. Da WPTV ein Projekt von Mitgliedern des "neuen" Mieterbeirats ist, sind die unterschiedlichen Reaktionen vorprogrammiert.

Die WAZ berichtet immer wieder von Neuerungen in WPTV und kommentiert häufig positiv. Das liegt unter anderem auch daran, daß mehrere Leute gleichzeitig bei der WAZ und bei WPTV tätig sind. Der erste Artikel erschien gleich nach der ersten Wohnpark-TV-Sitzung mit der Zusammenfassung der Informationen und dem Aufruf zur Mitarbeit.

Die Alt-Erlaa News berichten deutlich weniger über WPTV, meist erscheinen nur LeserInnenbriefe. (Dabei ist allerdings zu beachten, daß manche Ausgaben der AEN kaum wohnparkbezogene Artikel enthalten.) Noch lange in Erinnerung bleiben wird der erste redaktionelle Beitrag, der in der Ausgabe nach der Eröffnungsfeier von "Sprachrohr einer militanten Gruppe"5 sprach.

Die Technik von Wohnpark-TV

Durch die Fortschritte der modernen Computertechnik ist es heute möglich, einen Fernsehsender mit nur drei Computern zu betreiben. Diese Computer senden rund um die Uhr und brauchen normalerweise keinen menschlichen Eingriff.

Die drei Computer sind: Infotext-Computer, Teletext-Computer und Video-Computer. Sie werden noch von einigen fernsehspezifischen Geräten unterstützt.

Ziele

Alle an Wohnpark-TV Beteiligten arbeiten in ihrer Freizeit unentgeltlich mit, eine ständige Anwesenheit kann also nicht garantiert werden. Deswegen ist es wichtig, daß alles möglichst automatisch passiert und ohne menschlichen Eingriff funktioniert.

Damit die MitarbeiterInnen die Motivation nicht verlieren, muß zumindest auf technischer Ebene jede Frustquelle und jede monotone Tätigkeit vermieden werden. Die Leute, die Sendungen produzieren, sollen sich auf ihr kreatives Schaffen konzentrieren können.

Infotext

Den Infotext nennen wir oft auch Lauftext.

Er wird vom "zentralen" Computer mit einer Software namens Scala InfoChannel abgespielt. Diese Software ist für den Fernseheinsatz geschrieben und erlaubt den Betrieb rund um die Uhr.

Scala ist eine Art Multimedia-Präsentationsprogramm, seine Funktion ist vor allem, Bilder zu zeigen und dazu Ton abzuspielen. Außerdem hat Scala Timing-Funktionen wie "jede Stunde das Programm neu abspielen" oder "diesen Beitrag nur nach 22 Uhr zeigen".

Der Scala-Computer ist ein für 1997 ziemlich durchschnittlich ausgestatteter Rechner mit einigen Extras für den Fernseheinsatz. Er hat einen Pentium 166-Prozessor, 48 MB RAM und 2 GB Festplatte (die meisten Leute haben zu Hause schnellere PCs). Eingebaut ist eine Grafikkarte, die nicht nur einen Computerbildschirm-, sondern auch einen Videoausgang hat.

Der Scala-Computer kann also Bilder zeigen, sie auf verschiedene Arten um/einblenden und Sound abspielen. Bewegte Bilder wären nur mit einer speziellen Lösung möglich, die aber in den überfüllten Computer nicht mehr hineinpaßt. Deswegen muß, um Video abzuspielen, vom Scala-Bild auf ein Videobild umgeschaltet werden.

Die gesamte Programmsteuerung erfolgt in Scala; hier kann z.B. festgelegt werden, ob das Programm jede Stunde oder jede zweite Stunde neu gestartet wird, wann die Videos abzuspielen sind usw. Da der Rechner ans Internet angeschlossen ist, können Berechtigte von ihrer Wohnung aus Beiträge senden und aktualisieren.

Genlock

Das Umschalten zwischen Computer- und Videobild übernimmt ein sogenanntes Genlock, das vom Scala-Rechner über die serielle Schnittstelle gesteuert wird. Es hat Eingänge für Computer- und Videobild und kann auf Befehl zwischen diesen Bildquellen umschalten. Wenn der Scala-Rechner Video zeigen will, schaltet er das Genlock auf die Videoquelle und nachher zurück.

Infotext produzieren

Dafür kann eine Software namens Scala MultiMedia 100 verwendet werden (ca. 800 öS). Dieses Programm erzeugt sogenannte Skripts (=Befehlssequenzen, eine Art Computerprogramm), die von Scala InfoChannel abgespielt werden können. Die Skripts sind normale Textdateien, die auch mit einem einfachen Editor bearbeitet werden können und auch leicht von einem Programm zu generieren sind. So entsteht der Veranstaltungskalender aus einer Datenbank. Es wären sogar interaktive Fernsehspiele möglich).

Beiträge, die nicht mehr laufen sollen, werden nicht gelöscht, sondern nur in der Wiedergabeliste deaktiviert. Dadurch gehen sie nicht verloren und können leicht archiviert werden.

Sicherheitsfunktionen

Da Scala ab und zu stehenbleibt, haben wir ein sogenanntes Watchdog-Programm geschrieben, das im Hintergrund läuft und bei längerer Nicht-Aktivität Scala neu startet. Dieses Programm ist auch dafür zuständig, mit dem Videoabspielrechner zu kommunizieren, da Scala als DOS Anwendung dafür keine Möglichkeit bietet.

Video

Der Videoabspielcomputer ist auch ein PC. Ungewöhnlich ist die besonders große Festplattenkapazität von 27 Gigabyte (das bietet Platz für ca. 75 Minuten Video). In den Rechner ist eine DV Master-Karte der Firma Fast Multimedia eingebaut, die 1997 ca. 40.000 S kostete und auch heute noch ziemlich teuer ist. Diese Karte ermöglicht, digitale Videofilme in bester Qualität (besser als S-VHS) abzuspielen.

Die Software zur Abspielsteuerung ist auch eine WPMedia-Eigenentwicklung, weil es auf dem Markt für genau diese Konfiguration keine Produkte gibt. "Echte" Fernsehsender haben vielfach teurere, spezielle Ausrüstung.

Das Programm gibt uns maximale Flexibilität bei sehr einfacher Anwendung. Es durchsucht alle Festplatten nach Videofilmen und zeigt sie in einer Liste zur Auswahl an. Dort können Filme dupliziert oder deaktiviert sowie in eine andere Reihenfolge gebracht werden. Es gibt mehrere Abspiellisten, die auf den bestehenden Videos basieren. Das heißt z.B., daß ein Logo oder eine fixe Animation, die wir immer wieder spielen, nicht mehrfach vorhanden sein müssen, sondern es reicht, sie in verschiedene Wiedergabelisten aufzunehmen. Die Berechnung der Länge der Filme erfolgt automatisch, der Videorechner benachrichtigt den Scala-Computer, wenn das Video zu Ende ist. Aus technischen Gründen dauert das Umschalten zwischen Scala-Bild und Video und zurück jeweils ca. 4-7 Sekunden, dieser Wert kann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht verbessert werden.

Die Abspielllisten sind einfache Windows-Konfigurationsdateien mit bekanntem Aufbau, sodaß sie übers Netzwerk auch von zu Hause aus anpaßbar sind. Sie werden an geeigneter Stelle in ScalaScripts eingefügt, und dann im Programm aufgerufen.

Außerdem gibt es zwei Videorecorder zum Abspielen der längeren Filmbeiträge. Sie werden über die serielle Schnittstelle vom Video-Rechner gesteuert. Diese Lösung ist nicht sehr flexibel, weil nur die Befehle "Start", "Stop" und "Zurückspulen" unterstützt werden.

Video produzieren

Es gibt im Wohnpark mehrere Gruppen, die Video produzieren können. Videoaufnahme und  schnitt sind sehr zeitaufwendig.

Die AktivistInnen benutzen ihre eigenen Geräte. Das Spektrum reicht von modernen digitalen Kameras (> 20.000 öS) bis hinunter zu Hi8-Camcordern (ca. 6.000 öS).

Wenn ein Beitrag fertiggeschnitten wurde (zu Hause auf dem PC mit Videoschnittausstattung, im Videoklub oder im Senderaum auf dem vereinseigenen Schnittcomputer), kann er auf S-VHS-Videokassette, CD-ROM oder Digital Video in den Senderaum gebracht werden. Das Video wird dann benannt und auf Wunsch in eine Abspielliste eingetragen.

Im Gegensatz zu Infotext-Beiträgen müssen wir die alten Videobeiträge nicht nur deaktivieren, sondern löschen, weil die Videodateien extrem groß sind. Das macht aber nichts, da Videos sowieso von einer (analogen oder digitalen) Kassette oder einer CD-ROM stammen und auf dieser archiviert werden können.

Teletext

Der sogenannte "Teletext-Inserter" ist ein ganz normaler PC mit einer speziellen Teletext-Steckkarte der niederländischen Firma TSS. Diese Karte mischt ins fertige Bild- und Tonsignal, das aus dem Genlock kommt, den Teletext ein.

Teletext-Produktion

Die MitarbeiterInnen, die Teletext produzieren, brauchen nur einen einfachen PC. Das Teletext-Programm stammt aus dem Jahr 1994 und stellt keine großen Anforderungen an den Computer.

WP Media hat ein grafikfähiges Exemplar des Teletexteditors, das sogenannte Vorlagen erstellen kann. Die anderen Teletext-RedakteurInnen benutzen diese Vorlagen. Der Grafik-Editor kostet ca. 40.000 öS, die einfachen Versionen ca. 4.000 öS.

Das Teletext-Programm ist ein bißchen umständlich zu bedienen und viel weniger komfortabel als ein modernes Textverarbeitungsprogramm. Dazu kommen die Limitierungen des Teletext-Systems, das ja mit allen am Markt befindlichen Fernsehern kompatibel sein muß. Trotzdem betreiben wir den Teletext, weil er den Infotext ideal ergänzt und viel schneller aktualisiert werden kann.

Die fertigen Seiten werden mit einem Modem über die Telefonleitung an den Teletext-Inserter geschickt. JedeR MitarbeiterIn hat einen gewissen Bereich, in der er/sie die Seiten betreut. Es gibt ein genaues Seitenschema, das die Aufteilung der Nummern unter den einzelnen Themenbereichen regelt. Dadurch sind Übersichtlichkeit und Wartbarkeit des Teletexts gewährleistet.

1 Quelle: "Satzung des Vereines Wohnpark Media", Stand 1997-06-26, privates Archiv.

2 Quelle: "Statuten des Vereines WP Media", Stand 1999-11-26, privates Archiv.

3 Quelle: "Statuten des Vereines WP Media", Stand 1999-11-26, privates Archiv.

4 http://www.citynews.at/wpmedia/kalender/client/

5 Susanne Mitterbauer: "Göttliche Geduld". Alterlaa News 6, April 1998, Seite 8


© Balázs Bárány. (Homepage | datascientist.at)
Zuletzt geändert: 2000-01-28.