Vorlesung und Übungen zum Praxisfeld Medienpädagogik

Prof. Jean-Paul Nilles

Semesterarbeit über

PICS: Ein System zur Inhaltsauswahl im Internet

In letzter Zeit haben viele reißerische Veröffentlichungen in populären Magazinen auf Probleme wie Pornographie und Neonazi-Propaganda im Internet hingewiesen. Einzelne Regierungen (vor allem die USA mit dem Communications Decency Act) haben darauf mit Zensurversuchen reagiert, die jedoch aufgrund der Struktur des Internet erfolglos blieben. Diese Bemühungen mußten auch deshalb scheitern, weil dabei keine Differenzierung nach Abnehmern erfolgte und bestimmte Überlegungen (Verbot der nationalsozialistischen Wiederbetätigung beispielsweise) nicht in das Gesetz einflossen. Das führte dazu, daß Darstellungen, die in Filmen ab 16 Jahren und in bestimmten Magazinen durchaus erlaubt sind, im Internet plötzlich verboten waren, anderseits konnten weiterhin unwahre Aussagen zu politischen oder historischen Themen verbreitet werden. Aus diesen Gründen gab es einen heftigen Protest gegen das neue Gesetz, das nach nur 4 Monaten von einem Bundesgericht in Philadelphia aufgrund von verfassungsrechtlichen Überlegungen als ungültig befunden wurde. Zur Zeit existieren in den wichtigen Ländern keine gesetzlichen Beschränkungen.

Nachdem sich immer mehr der Trend verbreitet, (auch kleinen) Kindern zu Hause oder in der Schule den Zugang zum Internet möglich zu machen, fingen besorgte Eltern an, nach Mitteln zu verlangen, die ihnen erlauben, als gefährlich eingestufte Inhalte (vor allem Gewalt und Sex) für ihre Kinder zu sperren. (Der Verbot des Zugangs ist nicht durchsetzbar, da in der Leistungsgesellschaft verlangt wird, die Kinder auf die zukünftige Entwicklung vorzubereiten.) Die frühen Systeme (im Internet wird die Entwicklung in Monaten gemessen, "früh" bedeutet ca. 1994!) arbeiteten aufgrund von Schlüsselbegriffen, die von den Eltern angegeben werden konnten, um Dokumente mit eben diesen Worten zu blockieren. So war zum Beispiel eingestellt, daß Seiten, die die Wörter "gun", "breast", "fuck" usw. enthalten, nicht zur Anzeige freigegeben wurden. Ebenso wurde das Herunterladen von Bildern, die bestimmten Kriterien (weibliche Vornamen, Schlüsselbegriffe) entsprechen, blockiert. Es konnten auch Listen von Anbietern, die (auch) unpassendes Material offerieren, angelegt werden. Diese frühen Lösungen waren jedoch sehr unausgereift, weil es genügend Möglichkeiten gab, sie auch ohne tiefe Kenntnisse zu überwinden (Zum Beispiel ausländische Server, andere Benennung von Bildern oder Kodierung der Informationen).

Letztendlich kristallisierte sich eine offene Lösung heraus, die sowohl von den mächtigen (und konservativen) US-amerikanischen Elternvereinen als auch von der Industrie angenommen wurde: PICS.

PICS (Platform for Internet Content Selection, Plattform für Internet-Inhaltsauswahl) ist ein offenes System, das auf folgende Weise funktioniert: Es gibt "moralische Autoritäten", die Kategorien für die Einteilung in zulässige und unzulässige Inhalte formulieren. Die Anbieter versehen ihre Inhalte mit Codes aus dem Schema dieser Autoritäten, um auf die "Gefährlichkeit" des Inhalts zuzuweisen. Die Eltern oder ein(e) LehrerIn wählen eine solche Autorität und deren Bewertungsschema aus und stellen je nach System mehr oder minder detailliert für eine Gruppe oder einzelne Kinder ein, wieviel sie von solchen Inhalten (z.B. Mord ohne Blutvergießen erlaubt, mehr Gewalt nicht) sehen dürfen. Hier ein Beispiel, das Bewertungsschema der verbreitetsten Bewertungsagentur RSAC (Recreational Software Advisory Council):

An diesem Beispiel ist bereits sehr gut zu sehen, wie schwierig es ist, die Problematik explizit zu erfassen und in Schubladen einzuteilen. (Wo endet "small amount of blood"?) Es zeigt sich auch, daß Kriterien, die sonst interessant sein könnten (Diskriminierung von oder Hetze gegen Minderheiten, unwahre historische Behauptungen, suggestive Werbung), nicht erfaßt werden.

Glücklicherweise ist das System offen, sodaß es auch andere Anbieter (am 9. 1. 1997 weitere drei) gibt, die teilweise nach erweiterten Kriterien bewerten, sodaß auch Merkmale wie "Verherrlichung von Glücksspiel", "Intoleranz gegen Völker, Rassen usw." und "Umweltbewußtsein" erfaßt werden.

Aufgrund der Flexibilität des Systems könnten nicht nur blockierende, sondern auch bevorzugende Vorgangsweisen möglich werden. Zum Beispiel könnte im Biologieunterricht freier Zugang zu Seiten aus dem gesamten Internet, die sich (passend zum Lehrstoff) mit Süßwasserfischen beschäftigen, möglich gemacht werden. Der/die LehrerIn könnte dreißig Kinder selbständig das Internet nach solchen Inhalten durchsuchen lassen, ohne fürchten zu müssen, daß sie Nazi-Computerspiele spielen oder Pizza bestellen. Es wäre auch möglich, vollautomatisch Modelle wie "eine Stunde Beschäftigung mit einem interaktiven Lateinlernprogramm und dann eine Stunde Zugriff auf ein pädagogisch wertvolles und für die Altersstufe geeignetes Computerspiel" zu implementieren.

Das System ist aufgrund der technischen Voraussetzungen, die eine weitgehende Interaktion im Informationsfluß erfordern, nur für Computernetzwerke, also für das Internet, und nicht für Fernsehen und Radio geeignet. Es ist jedoch der allgemeine Trend zur Digitalisierung bemerkbar, der letztendlich dazu führen wird, daß sämtliche Medien (auch "Print"medien) im Internet verfügbar sein werden.

Medienpädagogische Einordnung von PICS

Der Ansatz von PICS ist eindeutig bewahrpädagogisch. Anstelle des Versuchs, die Rezipienten nach ihren Interessen die Inhalte auswählen zu lassen, werden gewisse Themen einfach blockiert. Ein möglicher Vorteil davon ist, daß theoretisch auf die geistige Entwicklung und die Situation der Kinder angepaßte Schutzkriterien definiert werden können. Zum Beispiel gibt es Eltern, die zwölfjährigen Kindern das Sehen aller Fernsehkrimis verbieten. Das könnte genauso mit dem Internet passieren, nur daß die Eltern nicht mehr überwachen müssen, ob sich das Kind auch daran hält. Hier stellt sich allerdings sofort die Frage, ob den Eltern nicht zu viel Macht übertragen wird. (Wenn das zwölfjährige Kind aus dem vorherigen Beispiel Krimis sehen will, geht es ins Kino oder in eine Videothek, weil es auch Krimis mit dieser Altersfreigabe gibt. Die FSK basiert auf der Arbeit von dafür ausgebildeten Experten, die beurteilen können, ob die Medienprodukte für eine Altersstufe geeignet sind. Zu Hause beurteilen jedoch nur die Eltern, die möglicherweise überreagieren können.) Allzu leicht ist es, "zero tolerance” einzustellen und damit auch den Zugang zu populärwissenschaftlichen Informationen oder auch harmloser Kinder-Unterhaltung einzuschränken. (Einige der neueren Disney-Filme beispielsweise würden vermutlich bei konservativer Anwendung der RSAC-Kriterien in einigen Kategorien dem zweiten Punkt zugeordnet; der Film "Schindlers Liste", der in Österreich ganzen Schulklassen vorgeführt wurde, würde bei RSAC folgende Bewertungen bekommen: Gewalt 4-5, Nacktheit 4, Sex 4, Sprache 3­4. Wahrscheinlich gibt es viele Eltern, die ihren im Schulalter befindlichen Kindern Inhalte mit so hohen RSAC-Bewertungen nicht erlauben würden.)

Der bewahrpädagogische Ansatz wird in der heutigen Medienpädagogik nicht mehr als vorherrschende Richtung betrachtet. Er verheißt jedoch sehr einfache Lösungen, weswegen bisher immer diese Vorgehensweise beim Auftauchen neuer Medien angewendet wurde (Bücher: im 18. Jh. wurden in Romanen noch Seiten überklebt, um sie auch Kindern geben zu können; Comics; Fernsehen; Video; Computerspiele). Erst später bildeten sich Strukturen der "fortschrittlicheren” medienpädagogischen Vorgehensweisen aus. Sie sind jedoch im Fall des Internet manchmal nicht anwendbar: Die Kinder kennen sich oft besser als ihre Eltern und auch LehrerInnen aus (das ist beim Fernsehen nicht der Fall); beim Fernsehen ist es leicht möglich, Sendungen gemeinsam anzusehen und auf Themen einzugehen, beim Internet ist das schwierig, da kaum längere, zusammenhängende und lineare Informationen angeboten werden, sondern eher kleine, spezielle Texte und Verweise ("Infotainment”). Oft kann nicht einmal die surfende Person ohne technische Hilfsmittel ihren Weg durch den "Informationsdschungel” zurückverfolgen.

Andere sogenannte "fortschrittlichen” Methoden (Sensibilisieren, Erziehung zu kritischen KonsumentInnen) funktionieren jedoch gut, weil im WWW die Inhaltsauswahl immer vor dem Konsum der Information erfolgt. Deswegen kann eine Person mit entsprechender Sensibilisierung durch den Medienkunde-Unterricht nach einigen enttäuschenden Seiten beim nächsten Mal mit einiger Sicherheit bessere Informationen auswählen.

Nachteile des bewahrpädagogischen Ansatzes im Internet

Das Bewahren wird im Internet nie so gut funktionieren, wie z.B. der Jugendschutz in der "wirklichen Welt". Das Internet wurde von Anfang an so entworfen, daß die Information wann immer es möglich ist von A nach B kommt. Es reicht nicht, eine Verbindung zu trennen. Inhaltseinschränkungen sind in diesem System nur Hindernisse ("Verbindungsfehler”), die - außer wenn sie bereits direkt beim Empfänger arbeiten - automatisch umgangen werden.

Aus diesem Grund ist es - und ich rechne noch mit einer deutlichen Entwicklung in diesem Bereich - sehr leicht, die Beschränkungen zu umgehen. Folgende Möglichkeiten sind dafür denkbar:

So kann jedes halbwegs interessierte Kind leicht und ohne erwischt zu werden an die verbotenen Inhalte kommen. Die Adressen können zum Beispiel in Chatgruppen oder Jugendmagazinen veröffentlicht werden, oder Suchbegriffe wie "anti-PICS” oder "hacking against PICS” führen zum Ziel.

Gerade wenn der Schutz hundertprozentig funktionierte, wäre die medienpädagogische Wirkung zu berücksichtigen:

Es ist sehr wichtig, die Wirkung bestimmter Medieninhalte auf die kindliche Psyche zu untersuchen oder zumindest Überlegungen in diese Richtung anzustellen.

Überlegungen zur vermuteten negativen Wirkung von Gewalt

Da das Internet in hohem Maße textbasiert ist, sind nur Kinder, die Lesen und Schreiben können, Gegenstand der folgenden Überlegungen. (In Europa kommt noch hinzu, daß ein Großteil der Informationen in englischer Sprache ist.) Solche Kinder haben gewisse situative oder allgemeine Interessen. Mensch würde sie so surfen lassen, daß sie auf einer Kinder-Seite starten, die Verbindungen zu anderen für Kinder interessanten Seiten bietet. Kinder im Grundschulalter wählen aus dem vorhandenen Angebot und würden, wenn überhaupt, nur in diesem Bereich suchen. Sie würden nicht von selbst auf die Idee kommen, nach Gewalt zu suchen. Gewalt ist ja unnatürlich und löst anfangs immer Mißfallen bei den Rezipienten aus. Die Bereitschaft zur Aufnahme medialer Gewalt ist gerade deshalb so entwickelt, weil mensch kaum bestimmen kann, was gesendet wird, sondern aus der vorhandenen Auswahl etwas wählt. Auf diese Weise wird das Interesse für Gewaltdarstellungen geweckt.

Kinder, die älter sind, verwenden bereits Suchhilfen. Um diese zu benützen, muß mensch einen Suchbegriff angeben oder in eine bestimmte Richtung weitergehen. Es kommt nicht vor, daß mensch beim Surfen zufällig auf Seiten, die Gewalt (oder Sex) enthalten, stößt.

Die wichtige Frage ist, welche Voraussetzungen und Implikationen es hat, wenn ein Kind bewußt nach Gewaltdarstellungen sucht. Ist die Erziehung in Ordnung? Wird sich das Kind weiterhin für Gewalt interessieren? Ich bin der Meinung, daß Kinder, die wissen, was Gewalt ist und sie sehen wollen, bereits reif dafür sind, oder ist Schutz sinnlos, da bereits eine weitgehende Konfrontation mit Gewaltdarstellungen erfolgt ist. Erwachsenen wird dieses Recht ja auch zugebilligt, weil sie angeblich wissen, was sie tun. Im Kind arbeiten die selben Gedankenmuster, es hat - genauso wie Erwachsene - bereits eine Ahnung von den erwarteten Darstellungen.

Zur Problematik von Erotik und Sex in den Medien

Diese Darstellungen sind meiner Meinung nach in ihrer Wirkung den Gewaltdarstellungen gleichzusetzen. Kein Kind, das nach Karl May-Romanen, Frisurtips für Barbie-Puppen oder Disney-Figuren sucht, kommt zufällig auf eine Seite, die Sex enthält. Nach Sex muß genauso spezifisch gesucht werden, wie nach Gewalt. Es scheint sogar schwieriger zu sein, "gute" Sex-Inhalte zu finden, da die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt.

(Ich führe gerade eine Untersuchung durch, die auf Suchbegriffen, die in einen Internet-Suchdienst eingegeben wurden, basiert. Sex und erotische Darstellungen werden tatsächlich gesucht, ca. 10 % der Suchanfragen gehen in diese Richtung, alle anderen Themengebiete (Computer, Unterhaltung, Sport, Wissenschaft usw.) werden weniger oft nachgefragt. Ich konnte jedoch kaum Suchbegriffe finden, nach denen mindestens viermal gesucht wurde (nur diese konnte ich bisher kategorisieren) und die sich auf Gewalt (auch im weiteren Sinne) (Schläge, Folter, Vergewaltigung, Sadismus usw.) beziehen. Es scheint so zu sein, daß die konventionellen Medien genügend (oder zu viele) Gewaltdarstellungen bieten und die Menschen somit übersättigt sind.

Die Arbeit wird nach Fertigstellung im Internet abrufbar sein.)

Das Problem der unzulänglichen Einteilung in Kategorien

Während die Freiwillige Selbstkontrolle jederzeit neue Kriterien zur Bewertung von Filmen einführen kann, ist ein System wie PICS auf Abwärtskompatibilität angewiesen. Das bedeutet, daß eine bereits publizierte Kriteriensammlung (siehe RSAC weiter oben) nur sehr schwer weiterentwickelt werden kann. Während RSAC brav nach amerikanischen Vorstellungen getrennte Kategorien für Nacktheit und Sex anbietet, sind keine Angaben über manipulative Information oder historische Lügen vorhanden. Das bedeutet, daß ein Kind, das z.B. Information über Hitler für ein Schulreferat sucht, mit großer Wahrscheinlichkeit auch Seiten finden wird, die Judenhetze oder die Auschwitzlüge enthalten.

PICS = Zensur?

PICS arbeitet so, daß es aus dem Informationsstrom die unpassenden Teile entfernt. Es ist sehr leicht (fertige Lösungen sind bereits erhältlich), das System so anzuwenden, daß nicht nur ein Computer (wie zum Beispiel der im Kinderzimmer) betroffen ist, sondern ganze Netzwerke. Das wäre ungefähr so, als würde die Telekabel-Gesellschaft aufgrund von Protesten "besorgter" Eltern, die das Fernsehverhalten ihrer Kinder nicht überwachen wollen, bestimmte Sendungen oder Teile von ihnen ausblenden. Glücklicherweise ist die Technologie nur dann anwendbar, wenn die KonsumentInnen nur eine Leitung zwischen sich und dem Internet haben. Das können nur Firmen innerhalb ihres Geländes, Internet-Provider oder autoritäre Staaten durchsetzen. Gerade die letzteren müssen jedoch beachten, daß sie bei einem solchen Vorgehen Gefahr laufen, den "Anschluß an die Zukunft" zu verpassen.

Literatur

Hüther/Schorb/Brehm/Klotz: Grundbegriffe der Medienpädagogik, Expert Verlag

http://www.microsys.com/cyber/cp_list.htm

http://www.rsac.org/labels.html (veraltet)

http://www.rsac.org/faq.html (veraltet)

http://www.safesurf.com/ssplan.htm

http://www.w3.org/pub/WWW/PICS/950911_Announce/pics-pr.html


© Balázs Bárány
zuletzt geändert (JMT):1999-10-01