Grundprobleme der journalistischen Vermittlung:
Elektronische Medien

2. Übungsarbeit

Reflexionen eines Fernsehjournalisten

Einleitung

In der Lehrveranstaltung vom 16. April war ORF-Mitarbeiter Herbert Weibel, der Journalist bei der "Zeit im Bild 2" ist, zu Gast. Die Studierenden konnten ihm Fragen stellen. Im Folgenden werden die Antworten zusammengefaßt.

"Ein Tag im Leben eines ZiB2-Redakteurs"

Für die ZiB2 findet die erste Redaktionssitzung schon um 11:00 vormittags statt. In dieser Sitzung werden Vorschläge für die Themen der Sendung gemacht. Die Kulturredaktion hat bereits fertige Beiträge oder zumindest genaue Pläne. Wenn es nicht schon vorher feststeht, wird entschieden, ob und welche Studiogäste eingeladen werden. Ungefähr ein Drittel der Sendung ist schon nach dieser Sitzung fixiert. Bis 14:00 wird dann recherchiert und Material gesammelt (aus dem Archiv oder Filmbeiträge der Nachrichtenagenturen). Die Studiogäste werden kontaktiert. Um 14:00 ist wieder eine Redaktionssitzung, in der weitere Sendungsbestandteile fixiert werden. Nachher ist bis 18:00 Zeit, Beiträge selbst zu filmen oder zu sammeln. Um 18:00 sollte die Sendung mehr oder weniger fertiggeplant sein. Nachdem das geschehen ist, wird der Teletext-Redaktion eine Themenliste bekanntgegeben.

Die Schnittplätze sind am Abend bis ca. 19:45 nicht verfügbar, da an ihnen noch Beiträge für die wichtigere ZiB1 bearbeitet werden. Nachher muß alles Material, das für die Sendung vorgesehen ist, in Form gebracht werden (Anm.: wer schon selbst Videomaterial geschnitten hat, weiß, wie kurz zwei Stunden sein können). Die ModeratorInnen bereiten sich auf die Interviews vor. Die endgültige Reihenfolge der Themen wird festgelegt (dazu wird manchmal das ZDF konsultiert, das ja für die 3Sat-Ausstrahlung verantwortlich ist und beurteilt, welche Beiträge für die Ausstrahlung im gesamten deutschen Sprachraum relevant sind).

Das Team der ZiB2 betreut auch die Spätausgaben, sodaß einige MitarbeiterInnen auch noch in der Nacht bleiben müssen.

Zusammenarbeit der Nachrichten-Redaktionen

Der ORF hat jeweils eigene Redaktionen für die beiden Zeit im Bild-Ausgaben sowie für den Teletext. Obwohl natürlich alle Redaktionen über die gleichen Nachrichtenquellen verfügen, berichten sie nicht immer über die selben Themen.

Die ZiB1 versucht - das soll auch die international völlig unübliche Ausstrahlung in beiden Kanälen signalisieren -, das Wichtige vom Tag für möglichst breite Bevölkerungsschichten aufzubereiten. Auch wichtige und aktuelle Themen bekommen nur selten mehr als drei-vier Minuten Sendezeit. Ebenso sind Studiogäste oder Live-Interviews kaum üblich.

Die ZiB2 ist dafür zuständig, zu ausgewählten Themen vertiefende Informationen zu liefern. (Laut einer Untersuchung haben 50 % der ZiB2-ZuschauerInnen schon die ZiB1 gesehen.) In diesem Sinne wurde während der Volksbegehren nicht über diese berichtet, da keine überraschenden Entwicklungen passiert sind. Dafür fanden an den Tagen vorher in der ZiB2 ausführliche Diskussionen über die vorgeschlagenen Punkte statt. Es passiert auch leichter, daß Themen, zu denen kein Bildmaterial verfügbar ist, nicht in die Sendung aufgenommen werden (Anm.: das erscheint mir ein bißchen seltsam, weil die Zeit im Bild - auch die Abendausgabe - aufgrund ihrer großen Verbreitung doch so etwas wie einen "Gesamtinformationsanspruch" haben sollte).

Die Teletext-Redaktion unterscheidet sich natürlich von den JournalistInnen der beiden Nachrichtensendungen, da das Medium ganz anders ist: mehr oder weniger ein Printmedium mit ständiger Aktualisierung. Hier kommt es darauf an, die Informationen schnell, genau und umfassend zu publizieren. Ab und zu bitten die ZiB-Redaktionen die Teletext-Leute, Hinweise auf interessante Interviews oder Ähnliches in den Nachrichten anzukündigen.

Anm. Die Aufteilung der Redaktionen in ZiB1 und ZiB2 wundert mich etwas; Zeitungen haben keine eigenen Redaktionen für die Abendausgaben. Der ORF sollte sich vielleicht überlegen, die bestehende "Zeit im Bild" in zwei "Niveau-Stufen" zu teilen. Das würde vermutlich noch mehr ZuschauerInnen anziehen, weil genauere Differenzierung möglich wäre. Durch die Segmentierung des Marktes könnten die Werbekunden genauer auf KonsumentInnen eingehen, was dem ORF wohl Mehreinnahmen bringen würde (wenn auch mit höheren Produktionskosten).

Nachrichtenquellen

Der ORF hat Pauschalverträge mit den wichtigen In- und ausländischen Nachrichtenagenturen. Diese Verträge beinhalten die Rechte am Standardangebot der Agentur, bei solchen, die auch Bildbeiträge anbieten, auch diese. Es kommt allerdings vor, daß besonders interessante oder "attraktive" Beiträge zum Preis von 3.000 US$ (Reuters) angeboten werden (Anm.: ich vermute, daß das solche Beiträge sind, die nicht von den MitarbeiterInnen der Nachrichtenagentur, sondern aus unabhängigen Quellen stammen und durch die Agentur am internationalen Markt angeboten werden). Diese Bilder müssen aber sehr gut oder außergewöhnlich sein, da diese Zusatzeinkäufe im ORF eher restriktiv behandelt werden.

Die APA bietet keine Filmbeiträge an, sodaß innenpolitische Berichte von den Landesstudios gedreht werden müssen.

Es wird versucht, Live-Berichterstattung zu vermeiden, da diese sehr schwierig ist. Die ReporterInnen haben oft keine Möglichkeit, sich zu melden, wenn es nötig wäre, oder sie werden schlecht koordiniert und an die falschen Plätze geschickt. Ausrutscher haben normalerweise keine Konsequenzen, da die Schwierigkeit des Live-Berichtens auch den Vorgesetzten bekannt ist.

"Nicht-journalistische" Kriterien der Sendungsgestaltung

Wie bereits erwähnt, achten die Nachrichtensendungen darauf, daß Bildbeiträge vorhanden sind. Das heißt natürlich nicht, daß Telefoninterviews oder auch das bloße Verlesen einer dringenden Nachricht völlig inakzeptabel wären, aber bei gleich wichtigen Meldungen wird auf den Beitrag ohne Bild oft verzichtet.

Bei Interviews werden die Fragen vorher nicht abgesprochen, aber in Einzelfällen nennen vor allem PolitikerInnen Fragen, die nicht kommen dürfen (z.B. Frauenministerin Prammer sollte nicht über ihren Mann befragt werden). Das geht natürlich nur dann, wenn das Interview für die Sendung wichtig ist und andere Medien einen Informationsvorsprung durch ein (konformes) Interview hätten.

Durch die zunehmende Marktorientierung des ORF sind Einschaltquoten auch für die ZiB wichtiger geworden. Das hat zum System "gleich nach dem aktuellen Meldungsblock sehen Sie einen interessanten Beitrag" und zur Verkürzung des Wetterberichts geführt.

Finanziell sehr interessant ist die Möglichkeit, die ZiB2 "verspätet" anzufangen, da die Leute - anders als am Ende der Sendung - normalerweise nicht weggehen oder wegschalten. Trotzdem wird das - auch aus Rücksicht auf 3Sat - nach Möglichkeit vermieden.

Die Bevorzugung gewisser Sportarten, aber auch die Themen der Kulturberichterstattung basieren auf Meinungsumfragen, andererseits weiß das Publikum nicht immer, was es will. Das zeigt am besten das Beispiel Boxen: jahrelang gab es keine Boxkämpfe im Fernsehen (höchstens im Rahmen der Olympia-Übertragung), als aber RTL große Erfolge damit feierte, hat der ORF nachgezogen.

Traumberuf ZiB-RedakteurIn?

Die Fernsehberichterstattung, in Österreich aufgrund des Fernsehmonopols bisher nur sehr eingeschränkt praktizierbar, unterscheidet sich deutlich von der Arbeit der Print-JournalistInnen. Die Arbeit beim ORF in der angesehenen ZiB-Redaktion darf wohl zu Recht als prestigeträchtiger angesehen werden, was zu einem vielfachen Andrang führen dürfte. Diejenigen, die es schaffen, können sich aber offensichtlich über eine interessante und abwechslungsreiche Arbeit freuen.


© Balázs Bárány
zuletzt geändert (JMT):1999-10-01