Druckmedien und Kommunikationsordnung:

Struktur - Organisation - Funktion

Prof. Wolfgang R. Langenbucher

Vergleichende Leseerfahrung

Vorwort

Zu unserem großen Glück - sowohl als BürgerInnen als auch als PublizistikstudentInnen - gibt es in Österreich Pressefreiheit, was die Printmedien betrifft. Auch in den elektronischen Medien zeichnet sich eine Liberalisierung ab. Trotzdem bietet der Printsektor eine größere Vielfalt und es ist zu erwarten, daß sich das in den nächsten Jahren nicht ändert.

Sogar im Marktbereich "Tageszeitung mit gehobener Qualität" buhlen "Die Presse", "Der Standard", "Kurier", "WirtschaftsBlatt" und die "Salzburger Nachrichten" um die LeserInnen.

In dieser Untersuchung werden nur "Presse", "Standard" und "Kurier" berücksichtigt. Sie alle bezeichnen sich gleich unter dem Titel als "unabhängig" in verschiedenen Variationen. Das impliziert den Anspruch, objektiv und kritisch über alle Ereignisse zu berichten und sie sachgerecht zu kommentieren. Dabei heißt "unabhängig" natürlich nicht nur "unabhängig von den Parteien", sondern im Idealfall auch unabhängig von Werbekunden.

Es stellt sich natürlich die Frage, wieso der Markt sogar mehr als drei solche Qualitätszeitungen aufnehmen kann. Offensichtlich sind die Unterschiede in bezug auf Weltsicht, bevorzugte Themen und Image groß genug.

Die Zielgruppe - BürgerInnen mit hoher Bildung - erwartet, auf einem hohen Niveau informiert zu werden. Das schließt die Richtigkeit der Information und das Berichten aller wichtigen Details natürlich mit ein.

Der erste Teil der Untersuchung beschäftigt sich mit der Berichterstattung der drei Tageszeitungen über den Streik der sogenannten Internet-Provider (Firmen, die Internet-Zugriff anbieten), da das ein Thema ist, an dem sowohl die Kompetenz als auch das Ausmaß kritisch-objektiven Berichtens gemessen werden kann.

Der Internet-Streik vom 25. März 1997 und was dazu geführt hat

Da ich über die Ereignisse auch aus anderen Kanälen, unter anderem aus relativ kompetenten Computerzeitschriften erfahren habe, sehe ich mich in der Lage zu erklären, welche Punkte eine objektive und dem Thema angemessen vollständige Berichterstattung eingeschlossen hätte:

Um die Öffentlichkeit, der diese Tatsachen ja kaum bekannt sind, korrekt zu informieren, sollte eine Zeitung dies alles recherchiert haben und darauf eingehen. Was ruhig ausgelassen werden kann, ist ein Artikel, in dem (vielleicht sogar bebildert) wieder einmal beschrieben wird, was es im Internet für schweinische Sachen gibt.

Die Berichterstattung der untersuchten Zeitungen

Nach diesem Kriterienkatalog haben die Zeitungen mit ihren Ausgaben am Tag des Streiks (also vor dem Streik, der am Nachmittag stattfand) und am nächsten Morgen folgendermaßen abgeschnitten (alle haben übrigens an beiden Tagen das Thema auf das Titelblatt gebracht, wenn auch eher unten und recht klein):

Der Kurier hat dem Thema in den zwei Ausgaben insgesamt ca. eineinhalb Seiten gewidmet. Die Zusammenhänge wie das Gesetz über die Hausdurchsuchungen sowie die parallel gelagerten anderen Themen kamen nicht vor. Dafür erschien am Tag des Streiks ein Artikel (sogar mit zwei Bildern) über illegale Pornographie, NS-Wiederbetätigung und Glücksspiel im Internet. Die vorhin aufgeführten Tatsachen wurden nicht erwähnt, dafür wurde an beiden Tagen ein "Sachverständiger" zitiert, der beweisen will, daß der Provider über die kriminellen Inhalte Bescheid gewußt hat. (Darüber hat interessanterweise kein anderes Medium berichtet.) Außerdem gab es eine kurze Erklärung des Begriffes Provider. Der Titel ("Ruf nach Kontrolle im Internet") war äußerst schlecht gewählt, darum ging es weder im Bericht noch in der "richtigen Welt".

Am zweiten Tag nach dem Streik wurde noch kurz (15 Zeilen) darüber berichtet, daß der "Verdacht sich erhärtet" habe.

Der Standard berichtete ungefähr auf der selben Fläche; hier sind jedoch die Unschuld des Providers und die technische Unmöglichkeit der Kontrolle klar zur Sprache gekommen. Auch über die Hintergründe (BlackBox-Prozeß, CDA) informierte der Standard. Es gab außerdem einen Gastkommentar, in dem die Gesetzlage bezüglich Haftung für die Inhalte dargestellt wurde. Auch die Begriffe Provider und Server wurden erklärt. Am zweiten Tag wurde noch berichtet, der Verdacht gegen den Provider habe sich erhärtet, aber das wurde - wie im Kurier - nicht weiter erklärt.

In der Presse nahmen die Artikel nur ca. die Hälfte der Fläche, die in den anderen Zeitungen verwendet wurde, ein. Trotzdem war die Berichterstattung recht vollständig (bis auf das CDA), allerdings kamen wichtige Punkte manchmal nur in Nebensätzen kurz zur Sprache. Über die gesetzlichen Bestimmungen wurde halbwegs informiert. Die Presse war von den untersuchten die einzige Zeitung, die den Bericht nicht unter Chronik brachte, sondern auf der Seite drei (die auch die Überschrift "Die Seite Drei" trägt: es ist mir nicht klar, was das bedeutet; die andere Hälfte der Seite enthält einen Bericht darüber, daß albanische Flüchtlinge aus Italien nach Hause geschickt werden). Eine Erklärung der Begriffe fehlt wahrscheinlich aus Platzmangel. Am zweiten Tag nach dem Streik berichtete mensch noch darüber, daß die SPÖ eine neue Regelung in Zusammenarbeit mit den Providern vorbereitet.

Wie wir sehen, war die Berichterstattung der einzelnen Qualitätszeitungen sehr unterschiedlich, wenn ich eine Reihenfolge nach Qualität aufstellen müßte, würde sie lauten: Standard, Presse, Kurier. Der Vergleich mit der Selbstdarstellung der Zeitungen führt zu folgenden Ergebnissen:

Ich sehe natürlich ein, daß dieses Thema journalistisch schwierig zu behandeln ist, da gewisse Fachkenntnisse nötig sind, andererseits müßte es in den Wissenschaftsredaktionen oder bei der Internet-Redaktion (Kurier und Standard sind im World Wide Web zu lesen) Leute geben, die über die erforderlichen Informationen verfügen.

Mehr zum Repertoire der innenpolitischen JournalistInnen dürfte das Berichten über die Turbulenzen in der Klagenfurter SPÖ sein, über die auch am Tag des Internet-Streiks in allen Zeitungen geschrieben wurde. Da das Thema schon "gut eingeführt" war, mußten keine langen Erklärungen der Begebenheiten geschrieben werden. So kam es, daß die Berichte der drei Zeitungen am selben Tag ungefähr die selbe Fläche und einen sehr ähnlichen Inhalt hatten.

Bemerkenswert ist die Plazierung der Berichte: Im Kurier auf Seite 3, im Standard auf Seite 5 und in der Presse auf der 7. Seite. Die Begründung dafür ist die unterschiedliche Reihenfolge der Berichte: Presse und Standard stellen die Auslandsseiten vor die Inlandsberichte, in der Presse gibt es vorher auch eine Meinungsseite (die Seite 2).

Relevant ist auch, ob ein Artikel auf der linken oder rechten Seite steht, da beim Überfliegen der Überschriften diejenigen auf der rechten Seite besser ins Auge fallen. Im Kurier stand der Bericht links, da die rechte Seite mit - für das Publikum interessanteren - Reportagen über die beiden Volksbegehren gefüllt war. Die anderen Zeitungen verzichteten auf das Thema Volksbegehren, weil es nichts aktuelles zu berichten gab.

Standard und Kurier brachten den Bericht auf der ersten Inlandsseite, die Presse erst auf der zweiten. Ich würde da allerdings keine Absicht hineininterpretieren, der Grund ist wahrscheinlich in Layout-Überlegungen zu suchen.

Es scheint so zu sein, daß die besprochenen Tageszeitungen über die üblichen Themen (Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft usw.) ziemlich ähnlich berichten. Nur der Kurier ließ Kompetenz beim ungewöhnlichen wissenschaftlichen Thema vermissen.

Im Untersuchungszeitraum gab es keine wirklichen politischen Differenzen, die eine Stellungnahme der Zeitungen erfordert hätten. Somit läßt sich die politische Ausrichtung nur bedingt aus den Reaktionen auf den Internet-Streik abschätzen. Allerdings ließe ihre Deklaration als "unabhängig" die Zeitungen auch in Zeiten mit vielen Konfrontationen nicht allzu deutlich für eine Seite Partei ergreifen.

Literatur

Kurier, 25. 3. - 28. 3. 1997

Die Presse, 25. 3. - 28. 3. 1997

Der Standard, 25. 3. - 28. 3. 1997

"Metternich hätt' seine Freud...": WCM - Wiener Computer Markt, April 1997, Seite 127


© Balázs Bárány
zuletzt geändert (JMT): 1999-10-01